Brennerei Feesenhof: Ein historisch-kulinarischer Streifzug

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Im späten Mittelalter hatte sich der Weinanbau auch nördlich der Alpen weit verbreitet. Im 14. Jahrhundert wuchsen Reben in unmittelbarer Nähe der Nürnberger Stadtmauer. Wein war zur meist recht dünnen und sauren Massenware geworden, wurde in großen Mengen getrunken und dem unsauberen, kaum genießbaren Wasser beigemischt. Auch im Forchheimer Land baute man Wein an bis zum Einbruch der "kleinen Eiszeit" im 18. Jahrhundert. An den Süd- und Westhängen des Walberla dehnten sich Weingärten.

Trotzdem: der Ortsname Weingarts besitzt einen anderen Ursprung. Wie seine Mundartversion "Maigisch" belegt, geht er auf den Ortsgründer Meingerts einem im 11 Jahrhundert im Dienst der Bamberger Bischöfe stehenden Adeligen zurück. Dass aber auch in der Weingartser Flur Wein wuchs beweist neben vielen Spuren und Zeichen im Gelände eine Urkunde aus dem Jahr 1618. Ein Besitzverzeichnis des Schlosses Regensberg, das kurz vorher endgültig in die Hände der Bamberger Fürstbischöfe übergegangen war und nun als Amtssitz ihrer Verwaltung diente, erwähnt einen "Weinberg vor dem Haar und im Mausloch gelegenen, 5 ein viertel Morgen groß".

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Georg Beutner aus Weingarts erkennt in diesem Dokument einen Hinweis auf die Frühgeschichte seiner Familie und deren einstigen Besitz. Vor Jahrhunderten waren die Beutners Weinbauern. Heute sind sie "Schnapsbrenner". Sie bauen Birnen, Mirabellen, Zwetschgen, Kirschen, Himbeeren, Johannisbeeren und Äpfel an. Sie sammeln Kümmel, Schlehen und Vogelbeeren. Nach uralten Rezepten formen sie seit Generationen diese Gaben der Natur in Brände, Geiste und Liköre um. Überm dem Kunsthandwerk des Brenners, das im Landkreis Forchheim in einmaliger Häufigkeit und Dichte ausgeübt wird, liegt ein Tabu. Produziert werden keine Lebensmittel, sonder "Genußmittel" - ein Begriff, den es nur in der deutschen Sprache gibt. Die Produkte dienen nicht der Ernährung, sondern dem anregenden Genuss, der - so lautet der Generalverdacht- sich leicht zur krankhaften Sucht steigern kann. Alkoholische Getränke waren das älteste Genußmittel in Europa; später folgten die Siegeszüge von Kaffee, Tee und Nikotin. Branntwein wird erst im 12. Jahrhundert in abendländischen Quellen erwähnt: "entflammbares Wasser, das brennt, ohne das Material zu verzehren, auf dem es ausgeschüttet wurde". Diese "Aqua vitae" dient zunächst fast ausschließlich als Lösungsmittel, zur Betäubung bei Operationen und als allgemeine Medizin. An der Wende vom 13. und 14. Jahrhundert preist der italienische Arzt Arnaldo de Vitanova einen neuen Zaubertrank an: " der Branntwein vertreibt die überflüssigen Säfte, belebt das Herz, heilt Koliken, Wassersucht, Fieber, mildert Zahnschmerzen und schützt vor der Pest".

Am Anfang der frühen Neuzeit beginnt der Branntwein aus der Apotheke auszuwandern. Seine neue Heimat wird die Wirtsstube, aus der er den Wein fast verdrängt. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts steigt - durch eine Steuererhöhung verursacht - der Bierpreis in England immens an. Gin entwickelt sich daher zum Massengetränk. Ein Schnapszeitalter mit all seinen verheerenden Folgen bricht an. Heftig wettern Theologen und anderen Moralisten gegen die neue Volkskrankheit. Vor allem die Methodistenkirchen kämpfen in der angelsächsischen Welt gegen das Trinken, die Erzeugung und Verbreitung von Branntwein. Trotzdem wird seit Beginn des 19. Jahrhunderts auch das kontinentale Europa von der "Branntwein-Pest" überfallen. Der Durchbruch der industriellen Revolution schafft einerseits unerhörten Reichtum, andererseits bei der neuen Arbeiterklasse extreme Armut und Verelendung. In den trostlosen Wohnvierteln des Proletariats drängen sich die Kneipen, Spelunken und Destillen an der Straßenecke. "Wer Sorgen hat, hat auch Likör!" Diese Spruchweisheit ist bis heute bekannt.

Diese Hypotheken der Gesellschaftsgeschichte bereiten Georg Beutner in Weingarts und seinen Kunden aus dem mittelfränkischen Ballungsraum relativ wenig Sorgen. Ohne Brennerei kann er sich seinen "Feesenhof" überhaupt nicht mehr vorstellen. Dessen Entwicklung spiegelt exemplarisch die neueste Phase der uralten Agrargeschichte wieder. Im Zeitalter der Genfood-Industrie und der Agrarfabriken stoßen die traditionellen Formen der Landwirtschaft auf unüberwindliche Barrieren. Bis 1995 führte Beutner sein Anwesen als Mischbetrieb mit Milchvieh, Schweinen, Obstanbau und Brennerei. Dann wurde die Viehhaltung schrittweise aufgegeben. Die Expansion des Obstanbaus folgte. 1997 wurde ein neuer Zwetschgengarten angelegt, im Jahr darauf neue Mirabellen-, Äpfel- und Birnenbäume gepflanzt. Die Streuobst-Wiesen weiteten sich aus - ein nicht ersetzbarer Beitrag zum Umweltschutz. Proportional zur Obstproduktion steigerte sich der Ausstoß der Brennerei. In den Ergebnissen dieses Kunsthandwerks sieht Beutner seinen Beitrag zur alltäglichen Volkskultur und ein geistreiches Genussmittel, das vernünftig benutzt sogar im Sinn Arnaldo de Vitanovas der Volksgesundheit dienen könnte.

Herbert Gebert

Informationen im Internet unter www.schnaps-brennerei.com